Autor: Alexander Brand

Zur Fortbildung auf Facebook? Eine digitale Lerngemeinschaft in Singapur

Damit in Schulen der flächendeckende Einsatz digitaler Medien Realität wird, brauchen Schulleitungen und Lehrkräfte durchdachte Formate zur Weiterbildung. Ein Beispiel aus Singapur zeigt, wie mithilfe von sozialen Medien über Schulgrenzen hinweg eine digitale Lerngemeinschaft gebildet werden kann.

Ich stehe schwitzend an der Bushaltestelle des Bildungsministeriums. Es hat 32 °C und es ist schwül – aber hier herrscht nun mal das heiß-tropische Klima Südostasiens, auch im Januar. Bereits seit drei Wochen bin ich in Singapur. Am Morgen besuchte ich eine Grundschule auf der anderen Seite der Insel, mittlerweile die vierte Schule, die ich im Stadtstaat kennenlerne. Nur wenige Monate ist es her, dass ich die letzte Lehramtsprüfung abgelegt und den Uni-Hörsaal gegen Klassenzimmer in Estland, Finnland, Singapur und Japan eingetauscht habe. Um fünf Monate lang in die Bildungssysteme der PISA-Spitzen einzutauchen, fragte ich bei diversen Schulen auf gut Glück an, ob ein Besuch möglich wäre. Man empfing mich mit offenen Armen. Am ersten Tag in Singapur lud mich der Schulleiter zum koreanischen Barbecue mit seiner Familie ein.

Mich beeindruckte am Schulsystem von Singapur, wie viel Zeit, Geld und Energie dieses Land in die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften investiert. Lehrkräfte in Singapur unterrichten weniger und bilden sich 100 Stunden im Jahr fort – oft im Team als professionelle Lerngemeinschaft. Am Anfang meines Aufenthalts traf ich auf einen ehemaligen Schulleiter, dessen Masterstudium an der Stanford University durch ein staatliches Stipendium bezahlt wurde. Jetzt leitet er im Ministerium das Ressort Digitale Bildung und lud mich kurzerhand zum Gespräch in die Schulbehörde ein.

Masterplan: Digitale Bildung

Im Konferenzraum angekommen präsentiert mir sein Team stolz die vier Masterpläne, die seit 1997 die Digitalisierung des Schulsystems in Singapur vorantreiben. Im ersten Masterplan ging es um die Grundlagen: Computer in jede Schule, verpflichtende Fortbildungen zu Word und PowerPoint. Das Fünf-Jahres-Ziel war damals, dass alle Schülerinnen und Schüler einfache Computerkenntnisse vorweisen können. Auch in den späteren Masterplänen folgte man dem Prinzip: kleine Schritte, dafür aber flächendeckend. »Wir lassen uns Zeit« erklärt mir das Team. »Schulleitungen und Lehrkräfte können nicht behaupten, dass es sich um eine über Nacht durchgeführte Aktion handelt. Wir gehen schrittweise und langsam an die Sache heran. Die Kehrseite ist, dass der Prozess sehr lange dauert, aber wenn wir jetzt entschieden handeln wollen, haben wir eine solide Grundlage. Die meisten Lehrkräfte im Land besitzen Grundkenntnisse in Sachen digitaler Bildung.«

Mittlerweile geht es nicht mehr darum, ob digitale Medien im Unterricht integriert werden, sondern wie deren Einsatz sinnvoll gestaltet werden kann. An allen Schulen wurde das Online-Lernportal Student Learning Space eingerichtet. Auf diesem wird am Lehrplan orientiertes Lernmaterial zur Verfügung gestellt. Die Schülerinnen und Schüler können selbstständig mit Lernspielen, Videos und Simulationen lernen. Lehrkräfte haben Zugang zu Stundenentwürfen, die sie eins zu eins oder an die jeweilige Klasse angepasst einbauen können. Das Team im Ministerium überlegte sich, welche Kompetenzen Lehrkräfte für den Einsatz des Lernportals im Unterricht benötigen, und entwickelte Online-Kurse dazu: »Wir wollen, dass Lehrkräfte in Etappen denken. Zuerst wählt man ein Lernziel aus und überlegt, wie digitale Medien den Lernfortschritt festhalten können. Auf dieser Grundlage werden Aufgaben konzipiert. Wir geben den Lehrkräften viele Beispiele. Am Ende des Kurses steht ein selbst erstellter Unterrichtsentwurf, der dann in der Praxis ausprobiert wird.«

Soziales Netzwerk für Unterrichtsdesign

Eine Herausforderung blieb: Wie bringt man Lehrkräfte nach einer ersten Einführung in das Portal dazu, es kontinuierlich in den Unterricht einzubauen und sich zu seiner Nutzung weiterzubilden? Was fehlte, war eine digitale Lerngemeinschaft über Schulgrenzen hinweg. Es gab noch keinen Ort, an dem Lehrkräfte informell Stundenentwürfe miteinander teilen und Ideen austauschen konnten. Auf der Suche nach der richtigen Plattform stellte sich die Frage: Wo verbringen Lehrkräfte online am meisten ihre Zeit? Auf den sozialen Medien! Genauer gesagt auf Facebook.

Das Team war skeptisch, ob eine vom Ministerium erstellte Facebook-Gruppe bei Lehrkräften Anklang finden würde. Eine Abteilungsleiterin erzählt mir, wie sie zu Beginn am Telefon eine Lehrerin überzeugen musste, ihren Unterrichtsentwurf in die Gruppe zu posten: »Es ist eine befremdliche Situation. In sozialen Netzwerken teilt man Urlaubsfotos, aber unsere Gruppe sollte etwas ganz anderes sein – sie sollte professionelle Gespräche unter Kollegen ermöglichen.« Doch wichtiger war, dass die Plattform ungezwungen und vertraut ist; dass man während einer Busfahrt ohne Umstände nach neuen Beiträgen schauen kann. Informalität als Schlüssel zur effektiven Teamarbeit. Sie tauften die Gruppe »Singapore Learning Designers Circle« – ein Netzwerk für Unterrichtsdesigner. Zutritt gibt es nur mit einer dienstlichen E-Mail-Adresse; nur echte Lehrkräfte sollen beitreten dürfen.

Im Ministerium befürchtete man, dass die Lerngemeinschaft nach maximal einem Jahr einschlafen würde. Doch mittlerweile, drei Jahre später, sind bereits über 15.000 Lehrkräfte beigetreten. Laut offizieller Statistik unterrichten an öffentlichen Schulen in Singapur nur knapp 33.000 Lehrkräfte.

Doch wie mobilisiert man tausende Lehrkräfte für eine Fortbildung auf Facebook?

Eine Kultur des gemeinsamen Lernens

Es überrascht nicht, dass sich eine Online-Gemeinschaft dieser Größe nicht von allein aufbaut. Das Team investierte vor allem am Anfang viel Mühe in das Sammeln und in die Moderation der Inhalte. »Wir geben Input, weil die Plattform einen Mehrwert bieten soll. Es darf nicht nur ein Ablageort sein. Wir sagen: Ihr könnt jede Woche vorbeischauen, es wird Neues zu lernen geben. Das ist unser Motto.« Nachdem die ersten Inhalte online gingen, wurden alle Lehrkräfte zu einem informellen Treffen im Ministerium eingeladen, das erste von vielen. Der regelmäßige persönliche Kontakt half, eine Gemeinschaft aufzubauen und Gruppennormen zu etablieren. Niemand sollte davon abgehalten werden, eine noch so unausgereifte Idee mit anderen zu teilen. So kam es, dass Lehrkräfte, die im ersten Jahr nur Ideen sammelten, selber anfingen Inhalte zu posten. Inzwischen gibt es jeden Sommer ein freiwilliges Ferien-Bootcamp zur Orientierung für neugierige Lehrkräfte, die auch Teil des Netzwerks werden wollen.

Eine Grundvoraussetzung für den Erfolg der Gruppe war, dass alle Lehrkräfte im Land dasselbe Portal im Unterricht nutzten, das Student Learning Space. Der gemeinsame technische Rahmen erleichterte den Austausch über Schulgrenzen hinweg.

Doch das Digitalteam strebte auch einen gemeinsamen didaktischen Rahmen an. Deshalb entwickelte es ein E-Didaktik-Konzept, das den Austausch zum Einsatz digitaler Medien unterstützen soll. Die E-Didaktik baut auf einer früheren Initiative auf: die Singapore Teaching Practice (dt. Singapur Unterrichtspraxis). Es handelt sich hierbei um ein in Singapur in der Lehrerfortbildung eingesetztes und weit verbreitetes Modell, das guten Unterricht konkretisiert und in einzelne Komponenten zerlegt. Wenn Lehrkräfte einander nach einem Unterrichtsbesuch Feedback geben, dann sollen sie ein geteiltes Verständnis davon haben, wie z. B. gute individuelle Förderung konkret aussieht und welche Strategien es dafür gibt. Die Singapore Teaching Practice gibt Lehrkräften damit ein gemeinsames Repertoire an didaktischen und pädagogischen Strategien.

Die E-Didaktik soll Lehrkräften nun helfen, die vertrauten Strategien der Singapore Teaching Practice mithilfe von digitalen Medien neu umzusetzen. Die Idee ist auch hier, Lehrkräften im ganzen Land eine Art Wortschatz bereitzustellen, damit sie über Schulgrenzen hinweg den Einsatz digitaler Medien auf didaktischer Ebene diskutieren können. Pädagogik bestimmt Technik.

Das Team fasst zusammen: »Gemeinsamer didaktischer Rahmen, die gleiche Technik für alle und eine Gemeinschaft zum Austauschen. So schafft man eine Kultur des gemeinsamen Lernens.«

Nach diesem Schlusswort und dem obligatorischen Gruppenfoto nehme ich zwei hübsch verpackte Mandarinen entgegen – ein Geschenk zum chinesischen Neujahr – und frage mich, ob man solch ein System auch im durch den Föderalismus geprägten deutschen Bildungsdschungel etablieren könnte.

Dieser Beitrag erschien im Blog des Forums Bildung Digitalisierung.

Die Spotify-Strategie: Digitale Schulbücher in Estland

Die Digitalisierung von Schulbüchern ist ein wichtiger Schritt in Richtung eines digitalisierten und hochwertigen Unterrichts. Ein Blick nach Estland zeigt, wie Wettbewerb und das Setzen richtiger Anreize den didaktischen Mehrwert von digitalen Schulbüchern sichern können.

Ich sitze in einem Büro am Rand der Altstadt Tallinns, der Hauptstadt Estlands. Mir gegenüber sitzt Antti Rammo, CEO des jungen Start-ups Star Cloud, das die Digitalisierung des Großteils der estnischen Schulbücher vorantreibt. Es ist meine zweite Woche im digitalen Vorreiterland. Die erste Woche war mit Schulbesuchen gefüllt, doch jetzt sind Ferien. Ich nutzte die Chance und schrieb im Bildungsbereich tätige Organisationen an, in der Hoffnung, dass sie mir das Schulsystem näherbringen.

Mein Besuch in Estland ist nicht ohne Hintergedanken, denn in der jüngsten PISA-Studie belegte das estnische Schulsystem einen Spitzenplatz. Mit einem Lehramtsabschluss in der Tasche hatte ich Lust, vom Erfolg dieser PISA-Spitzen nicht nur zu lesen, sondern ihm vor Ort auf den Grund zu gehen. In den kommenden Monaten wird mich meine Reise weiter nach Finnland, Singapur und Japan führen. In jedem Land verbringe ich ca. fünf Wochen, besuche Schulen und spreche mit Lehrkräften, Lernenden, Eltern, Bildungsforschenden und anderen Akteuren. Fünf Monate, vier Länder, eine Bildungsreise.

Aber zurück zu Antti und seinen Schulbüchern. Zu Beginn unseres Gesprächs klärt er die erste Fehlannahme zur digitalen Mediennutzung in Estlands Schulen auf. Obwohl das Digitale sehr wohl zur estnischen Identität dazugehöre, sei die tatsächliche Nutzung im Unterrichtsalltag nicht besonders hoch. Meine Schulbesuche bestätigten das, zumindest teilweise: Zur Klassenzimmerausstattung gehörten stets ein PC am Lehrerpult, ein Beamer oder Smartboard und WLAN, doch ein weit verbreiteter Einsatz von digitalen Medien wie Laptops oder Tablets blieb aus.

Laut Antti ist die Digitalisierung von Schulbüchern eine Schlüsselkomponente für digitalen Unterricht und es hätte mehrere Versuche der Politik gegeben, diesen Prozess voranzutreiben. So wurden beispielsweise Schulbuchverlage verpflichtet, eine digitale Version für jedes Schulbuch anzubieten. Ohne Erfolg. Das Gesetz endete darin, dass PDF-Dateien mit geringem pädagogischen Mehrwert den Markt fluteten, doch die Schulen hatten weder Geld dafür noch Interesse daran. Ein perfektes Beispiel dafür, wie eine Vorschrift ohne die richtigen Anreize aller Wahrscheinlichkeit nach wirkungslos bleibt, da sie nur halbherzig umgesetzt wird. Erst nach mehreren Jahren steuerte die Politik dem entgegen und begann eine Digitalisierungsstrategie zu verfolgen, die ich als Spotify-Strategie bezeichnen werde.

Wahlfreiheit und Wettbewerb

Der Spotify-Strategie liegen zwei Prinzipien zugrunde: Wahlfreiheit und Wettbewerb. In den meisten Ländern entwickelt jeder Schulbuchverlag eine hauseigene Plattform für seine Schulbücher und Schulen entscheiden sich für einen Verlag bzw. dessen digitales Angebot. Wenn ein Kapitel im Schulbuch von schlechter Qualität ist, bleiben einer Lehrkraft kaum digitale Alternativen. Nicht so in Estland. Die vom Start-up betriebene Lernplattform namens OPIQ – õpik ist estnisch für Schulbuch – wird von allen großen Verlagen genutzt, um ihre Inhalte zu digitalisieren. Die technische Expertise zur Entwicklung von digitalen Aufgabenformaten wurde ausgelagert, die Verlage konzentrieren sich auf das Fachliche und Didaktische.

Der Clou dabei ist, dass sich das Bildungsministerium 2018 mit den Schulbuchverlagen auf einen Deal einigte: Von der ersten bis zur neunten Klasse (an der sogenannten basic school) erhalten alle Schüler*innen sowie Lehrkräfte kostenlosen Zugang zu allen digitalen Schulbüchern – in jedem Fach und in jeder Jahrgangsstufe. Das Ministerium trägt die Kosten und die Lehrkräfte haben die Wahlfreiheit, passende Inhalte und Aufgaben aus verschiedenen Schulbüchern auszuwählen und ihren Klassen wie eine Playlist mit Aktivitäten zusammenzustellen.

Clou Nummer zwei: Die Schulbuchverlage bekommen keine fixe Entlohnung. Ähnlich wie bei Musiker*innen auf Spotify hängt die Bezahlung von der tatsächlichen Nutzung ab, also davon, wie viele Schüler*innen ein Buchkapitel bearbeiten. Die Verlage erhalten eine Rückmeldung, welche Kapitel an Schulen gut oder schlecht ankommen und verbessern dementsprechend ihr Angebot – das Schulbuch „lernt“ also dazu. Es entsteht ein kontinuierlicher Wettbewerb, aber nicht darum, wer die neueste Technik bietet, sondern wer die besten Inhalte hat.

Entscheidend ist der didaktische Mehrwert

Ich bin bereits ziemlich beeindruckt von der Eleganz des Systems und frage Antti, ob Lehrkräfte dieses Angebot auch wahrnehmen. Er öffnet eine Präsentation mit einer Grafik der Nutzungsdaten: Misst man den Anteil aller Lehrkräfte und Schüler*innen, die eine solche Plattform mindestens einmal im Monat nutzen, so würden andere Länder zwischen 3 Prozent und 10 Prozent erreichen. Vor 2018 lag diese Zahl bei OPIQ ebenfalls bei 3 Prozent. Doch mit Beginn des kostenlosen Zugangs lässt sich ein markanter Anstieg erkennen: im ersten Jahr auf 20 Prozent und im zweiten Jahr auf 30 Prozent. Mittlerweile nutzt mehr als die Hälfte aller estnischen Lernenden der siebten bis neunten Klasse die Plattform regelmäßig.

Für die starke Nutzung hat Antti mehrere Erklärungen: Die Lernplattform ist etwa als Web-App auf jedem Endgerät verfügbar. Man müsse auch keine neuen Accounts erstellen. Die digitalen Klassenbuch-Plattformen eKool und Stuudium, in denen Daten der Lernenden, Abwesenheiten und Hausaufgaben gespeichert werden und die schon seit Jahren in Estland etabliert sind, können mit der Schulbuchplattform Daten austauschen. Lehrkräfte können sogar Links zu einzelnen Aufgaben oder Textabschnitten mit einem Klick als Hausaufgabe aufgeben.

Doch entscheidend sei der didaktische Mehrwert. Wenn den Nutzer*innen in einem Fach die Schulbücher mehrerer Jahrgangsstufen offenstehen, können leistungsstarke Lernende problemlos Aufgaben der nächsten Jahrgangsstufe bearbeiten und leistungsschwache können Wissenslücken aus vorherigen Jahren beheben. Es gibt sogar eine Suchfunktion, die alle Verlage, Fächer und Jahrgangsstufen durchsucht, und eine Vorschlagsfunktion, die zu einem gegebenen Thema verwandte Inhalte in anderen Schulbüchern anzeigt. So fällt es Lehrkräften leichter, Bezüge zu anderen Fächern herzustellen. Schließlich können Lehrkräfte ihren Schüler*innen individuelles Feedback geben – falls die Aufgabe nicht schon automatisch ausgewertet wird –, denn vom Lehrkräftekonto kann jede Bearbeitung durch die Schüler*innen gesehen und die Leistung der Klasse verfolgt werden.

Eine Vision für die Zukunft

Was steht für die nächsten Jahre an? Noch ist adaptives Lernen, bei dem den Nutzer*innen auf Basis ihrer bisherigen Leistungen die nächste Aufgabe vorgeschlagen wird, nicht flächendeckend umgesetzt. Das sei jedoch nur eine Frage der Zeit. Erste Prototypen soll es am Ende des Schuljahres geben. Die für den Algorithmus notwendige Daten werden bereits gesammelt.

Doch es wird schon weitergedacht: »Unsere große Vision ist es, dass der ganze estnische Lehrplan kein Textdokument bleibt, sondern ein lebendiger, digitaler Organismus wird.« Jedem Text, jeder Aufgabe würden einer Kompetenz im Lehrplan zugeordnet werden. Die erfolgreiche Bearbeitung durch die Nutzer*innen lässt eine digitale Spur auf dessen Lernprofil zurück, welches den Fortschritt für jedes Lernziel anzeigt. Der Lehrplan würde aus tausenden solcher Lernziele bestehen. Während die jetzige Version der Plattform der Lehrkraft lediglich erlaubt, die Bearbeitung einzelner Aufgaben zu sehen, würde ein solches System eine Benotung überflüssig machen. Ein Blick ins Lernprofil würde reichen, um die Leistung der Lernenden zu beurteilen. Klar ist: Antti und sein Team legen erst los.

Dieser Beitrag erschien im Blog des Forums Bildung Digitalisierung.

Rosinenpicken und andere Gefahren des Ländervergleichs

Beim internationalen Vergleich von Schulsystemen laufen die Diskussionen – so mein Eindruck – in eine von zwei Richtungen:

  1. »Schau doch die Finnen an! Die machen X und sind erfolgreich! Warum können wir nicht so sein wie Finnland?« oder…
  2. »Finnland ist nicht Deutschland. Deswegen wird X bei uns nicht funktionieren.«

X steht dabei für eine beliebige Schulreform, für oder gegen die gerade plädiert wird. Wenn von Finnland die Rede ist, heißt X oft strenge Kriterien bei der Auswahl von Studierenden für das Lehramt. Finnische Abiturienten müssen ein intensives Auswahlverfahren durchlaufen, um zum Lehramtsstudium zugelassen zu werden. Und nach vielen Tests und Interviews schafft es nur ein Bruchteil: Von allen Bewerbern fürs Grundschullehramt werden jedes Jahr nur ca. 10 % zugelassen.

X steht oft auch für längeres gemeinsames Lernen. Bis zur 9. Klasse besuchen alle Schüler zusammen eine Schule und können dann entweder flexibel in 3 – 4 Jahren das Abitur machen oder einen ausbildungsähnlichen Zweig belegen, der auch zur Aufnahme eines Studiums berechtigt.

Die Auffassung, man könne von anderen Schulsystemen nichts lernen, teile ich offensichtlich nicht – sonst hätte meine Reise wenig Sinn. Doch die Argumentation: »Land X macht Y und ist erfolgreich; wir sollten uns ein Beispiel daran nehmen« führt ebenfalls in die Irre.

Nicht die Rosinen, sondern der Kuchen

Nicht nur Finnland hat strenge Kriterien für Lehramtsstudierende, sondern laut OECD auch Brasilien, Türkei und Griechenland – und alle drei schneiden unterdurchschnittlich ab, Brasilien sogar auf einem der letzten Plätzen des PISA-Rankings. Nur die besten Schulabgänger zum Lehramt zuzulassen, reicht offenbar nicht aus.

In Singapur, welches mit Abstand den Spitzenplatz belegt, müssen Schüler mit 12 Jahren die Primary School Leaving Examination – eine Art Grundschulabitur – ablegen und werden auf fünf Schulformen verteilt, welche die Chancen im Bildungssystem und im Beruf maßgeblich festsetzen.

Um es klarzustellen: Ich plädiere weder für ein stark differenziertes System wie in Singapur noch für laxe Auswahlkriterien fürs Lehramtsstudium. Im Gegenteil. Diese Beispiele verdeutlichen aber, dass es für ein Schulsystem kein Allheilmittel gibt – alles funktioniert irgendwo, aber nichts funktioniert überall.

Nur einen Aspekt eines Bildungssystems herauszugreifen, bestätigt die eigene, oft schon festgelegte Ansicht, was in Deutschland falsch läuft. Man beginnt mit einer Reform, die man hier umgesetzt sehen will, und sucht sich ein Land aus, das diese umgesetzt hat und besser als Deutschland abschneidet. Fertig.

Statt nur die einzelnen Rosinen aus anderen Schulsystemen herauszupicken, sollten wir den Rosinenkuchen als Ganzes betrachten: Wie hängen die Elemente des Systems zusammen? Welche Voraussetzungen mussten gegeben sein, damit diese oder jene Reform ihre Wirkung entfalten konnte? Wahrscheinlich gibt es verschiedene Wege zum Erfolg. Interessanter als die einzelnen Systemelemente sind die Grundprinzipien, nach denen das Schulsystem aufgebaut ist.

Die »Das-klappt-hier-nicht-Brille«

Das Gegenstück zum Rosinenpicken ist die »Das-klappt-hier-nicht-Brille«. Für jedes Land findet man einen Grund, warum sich eine bildungspolitische Maßnahme angeblich nicht auf Deutschland übertragen lasse: Finnland ist ein Land mit nicht mal 6 Millionen Einwohnern; Estland hat 1,3 Millionen. Eine Reform, die dort funktioniert, könne doch kaum in einem Land klappen, das mit 83 Millionen Einwohnern über 60-mal so groß ist.

Ein weiterer beliebter Einwand: Die Kultur in den asiatischen Ländern sei zu verschieden von unserer; Bildung habe dort einfach einen anderen Stellenwert.

Natürlich liegt in jedem dieser Punkte ein Körnchen Wahrheit. Doch ich sehe die eigentliche Gefahr darin, den Erfolg anderer zu ignorieren, bloß weil die Voraussetzungen nicht eins zu eins den deutschen entsprechen. Zumal Deutschland nicht ein Schulsystem hat, sondern 16 verschiedene. Finnland hat zwar keine 83 Millionen Einwohner, aber mehr als Sachsen, Rheinland-Pfalz und neun andere Bundesländer; Estland hat ungefähr so viele wie Mecklenburg-Vorpommern. Der Föderalismus entkräftet jeden Einwand, man könne vom Schulsystem des »kleinen« Finnlands nichts lernen.

Doch was, wenn nicht das Schulsystem den Bildungserfolg ausmacht, sondern eine diffuse, kulturelle Einstellung zu Schule?

Die kulturelle Einstellung zu Schule in einem anderen Land kann genauso ein Vorbild für uns sein wie eine bestimmte Schulstruktur. Wer behauptet, unsere Einstellungen zu Schule und Lernen wären in Stein gemeißelt? Wenn wir an irgendeiner Stelle die Einstellungen und Werte der nächsten Generation verändern wollen, dann ist Schule neben dem Elternhaus der beste Ort, dies zu tun. Wir dürfen nicht ausschließen, dass Deutschland sich von der Kultur in Asien etwas abschauen könnte.

Vermutlich sind nicht nur die Einstellungen der Schüler und Eltern für den Bildungserfolg wichtig, sondern zu großen Teilen auch die Haltungen der Lehrkräfte. Und darauf möchte ich meinen Schwerpunkt legen: Was wir von den besten Schulsystemen mitnehmen können ist womöglich keine Schulreform, sondern eine Haltungsreform – und die fängt bei uns Lehrkräften an.

Ein Ranking reicht nicht

Wie entscheide ich, welche Schulsysteme sich als Weltspitze qualifizieren? Der Projektname »Die PISA-Spitzen« bietet einen ersten Hinweis: Die prominente PISA-Studie soll mir erste Orientierung geben. Warum PISA und nicht TIMSS, IGLU, ICILS oder FURS? Nun ja, ein Grund liegt auf der Hand: Von den letzten vier hat der Großteil der Menschen noch nie etwas gehört. Dass der letzte Test frei erfunden ist, ist auch niemandem aufgefallen.

Notwendig, aber nicht hinreichend

Um die Jahrhundertwende löste der PISA-Schock in Deutschland eine Welle von Schulreformen aus und noch heute erhält PISA eine große mediale Aufmerksamkeit. Die Studie misst alle drei Jahre die Kompetenzen einer repräsentativen Gruppe an 15-Jährigen bzgl. Leseverständnis, Mathematik und Naturwissenschaften. Sie fragt nicht konkretes Schulwissen ab, sondern untersucht, inwiefern Schüler ihr Wissen in lebensnahen Situationen anwenden können.

Viele Menschen mögen protestieren: »Schule und Bildung soll aus mehr bestehen als Lesen, Mathe und den Naturwissenschaften. Wo bleibt Kunst, Musik, Geschichte?« Sie haben recht. Ein gutes Schulsystem sollte ganzheitliche Bildung bieten und nicht nur wirtschaftlich verwertbare Kompetenzen fördern. In den USA, wo jedes Jahr die Mathe- und Englischleistungen in standardisierten, folgenreichen Tests geprüft werden, schaffen viele Schulen Fächer wie Musik und Kunst ab, während »verwertbare Fächer« mehr und mehr Unterrichtszeit erhalten. Davon sind wir in Deutschland zum Glück weit entfernt.

Die PISA-Ergebnisse können also nicht als Messlatte für eine umfassende Allgemeinbildung gesehen werden. Sie aus diesem Grund zu ignorieren wäre aber ein Fehler. Ein Schulsystem, dessen Schüler bei den von PISA gemessenen Grundkompetenzen Schwächen aufweisen, kann nicht von sich behaupten, hochwertige Bildung zu liefern. Erfolgreiches Vermitteln von Basiskompetenzen ist – wie meine Kollegen im Mathestudium sagen würden – notwendig, aber nicht hinreichend für gute Schule.

Ein Ranking reicht nicht

Berechnet man den Durchschnitt der Leistungen in den drei Kompetenzbereichen, so ergibt sich folgendes Ranking (mit der in 2015 erreichten Punktzahl):

  1. Singapur (552)
  2. Hongkong (536)
  3. Japan (529)
  4. Kanada (527)
  5. Macau (527)
  1. Estland (524)
  2. Taiwan (524)
  3. Finnland (523)
  4. Südkorea (519)
  5. China (514)

Der Platz im Ranking ist eigentlich nicht aussagekräftig, denn in den letzten Jahren wurden Shanghai und Macau (eine Sonderverwaltungszone Chinas) manchmal separat und manchmal als zu China gehörend im Ranking aufgeführt. Dementsprechend rutscht ein Land bei gleichbleibender Leistung im Ranking hoch oder runter. Tatsächlich liegt Deutschland mit 508 Punkten im oberen Mittelfeld des PISA-Rankings. Mit dem oberen Mittelfeld sollten wir uns aber nicht zufriedengeben. Deshalb heißt mein Blog auch »Die PISA-Spitzen« – und nicht »PISA-oberes Mittelfeld«.

Doch die Frage bleibt: Wollen wir unser Schulsystem ausschließlich auf Hochleistung ausrichten? Genau wie Bildung aus mehr besteht als nur Lesen, Mathe und Naturwissenschaften, haben wir mehr Ansprüche an unser Schulsystem als das bloße Vermitteln von Kompetenzen.

Ein gutes Schulsystem soll nicht nur leistungsstark, sondern auch gerecht sein: Erfolg in der Schule soll nicht davon abhängen, ob die Eltern Akademiker sind oder genug Geld für Nachhilfe haben – auch nicht davon, ob man Moritz oder Murat heißt.

Im besten Fall ist das Schulsystem auch effizient: Jeder Euro erzielt die maximale Wirkung.

Im Gegensatz zu etwas Vagem wie Allgemeinbildung lassen sich Ansprüche wie Gerechtigkeit und Effizienz etwas leichter messen. Das National Center on Education and the Economy (Sitz: USA) hat dazu eine interessante Grafik veröffentlicht, welche unterschiedliche Länder anhand der drei Kriterien Leistung (»PISA performance«), Gerechtigkeit (»equity«) und Effizienz (»system efficiency«) kategorisiert. Die Länder, die ich auf meiner Reise besuche (Estland, Finnland, Singapur und Japan), erfüllen alle mindestens zwei der drei Kriterien.

Asien beherbergt sieben der Top 10 der leistungsstarken Schulsysteme. Eine reine Asien-Tour wäre bestimmt spannend, aber die Frage, was ich für das deutsche System mitnehmen kann, wäre nur unzufrieden beantwortet. Deshalb will ich Länder besuchen, die zwar allesamt in den Top 10 liegen, aber in sehr unterschiedlichen Regionen der Welt zuhause sind. Denn ich will erfahren, wie Bildungserfolg unabhängig von der Kultur eines Landes gelingen kann.

Das Projekt

Von Oktober 2019 bis März 2020 bin ich fünf Monate lang in Länder gereist, deren Schulsysteme als die besten der Welt betrachtet werden. In diesem Blog werde ich die Erfahrungen meiner »Bildungsweltreise« dokumentieren.

In groben Zügen unterrichten wir so, wie wir selber unterrichtet wurden – nicht, weil diese Methoden die besten sind, sondern weil wir nach 12 (oder 13) Jahren Schulzeit viele Ansätze als selbstverständlich hinnehmen. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben; Unterrichten ist damit eine kulturell geprägte Tätigkeit. Einzelne Leuchtturmschulen hinterfragen ihre Annahmen und erzielen im bestehenden System tolle Ergebnisse. Es lohnt sich sicher, diese unter die Lupe zu nehmen. Ein anderer Ansatz – mein Ansatz – ist es, kulturelle Grenzen zu überschreiten und in fremde Schulsysteme zu blicken, die für alle Schüler hervorragende Resultate erreichen.

Damit nicht nur ich von meiner Reise profitiere, ist mein Blog ein erster Versuch, meine Beobachtungen und Gespräche mit Schülern, Eltern, Lehrkräften und Bildungsforschern darzustellen.

Wo geht’s hin?

Als Maßstab für ein leistungsstarkes Schulsystem nutze ich die PISA-Ergebnisse von 2015 – ein sicherlich unzureichender, aber dennoch anerkannter Indikator für ein leistungsstarkes Schulsystem.

Doch Leistung ist nicht alles, und bei der Auswahl der Länder hatte ich den Anspruch, über Spitzenleistungen hinaus auch Gerechtigkeit und Effizienz des Schulsystems zu berücksichtigen. Da jedes Projekt einen griffigen Namen braucht, wurde der Blog kurzerhand »Die PISA-Spitzen« getauft.

Welche Länder haben es auf meine Liste geschafft?

  • Estland – das digitale Vorzeigeland?
  • Finnland – die glücklichste Nation der Erde?
  • Singapur – die absolute Leistungsspitze?
  • Japan – das Land des »Drills«?

Was sind meine Themen?

Auf der einen Seite bin ich auf der Suche nach Lösungen für Herausforderungen, die im Diskurs hierzulande viel Aufmerksamkeit erhalten. Da wären zum Beispiel Lehrermangel, Inklusion, Integration und Digitalisierung.

Gleichzeitig möchte ich Themen auf den Grund gehen, die in der Politik und den Medien vielleicht als wichtig, aber nicht als dringendes Problem wahrgenommen werden. Welche Möglichkeiten gibt es, sich als Lehrkraft im Beruf weiterzuentwickeln? Wie funktioniert der Austausch von Bildungsforschung und -praxis? Wie werden Schulen von der Schulverwaltung unterstützt und dazu angehalten, immer besser zu werden?

Was ist der Mehrwert?

Ein an fremden Schulsystemen interessierter Mensch sagt vielleicht: »Wir wissen doch schon, was andere Länder besser machen: gesellschaftliche Wertschätzung, nur die Besten werden Lehrer, eine Schule für alle…!« Und die Meisten werden ein Land finden, das besser als Deutschland abschneidet und ihre Forderung umsetzt. Doch nur ein Element eines Schulsystems hervorzuheben dient oft lediglich als Bestätigung der eigenen, meist schon fixen Meinung darüber, was dem deutschen Schulsystem gerade fehlt.

Um diese Art des Rosinenpickens zu vermeiden, wollte ich nicht nur isolierte Aspekte eines Schulsystems betrachten, sondern mir ein umfassendes Bild machen: Wie passen alle Elemente des Schulsystems zusammen? Gibt es mehrere Wege zum Erfolg? Was denken Lehrkräfte von ihrem Schulsystem?

Ich hoffe, dass meine Erfahrungen genau diesen Mehrwert bieten können: die vielen Studien, die es bereits gibt, in einen zusammenhängenden Kontext einzubinden. Was verbindet diese Länder unterschiedlicher Größe und Bevölkerung in verschiedenen kulturellen Kontexten? Und was können wir von ihnen lernen?