Autor: Alexander Brand

Ein Ranking reicht nicht

Wie entscheide ich, welche Schulsysteme sich als Weltspitze qualifizieren? Der Projektname »Die PISA-Spitzen« bietet einen ersten Hinweis: Die prominente PISA-Studie soll mir erste Orientierung geben. Warum PISA und nicht TIMSS, IGLU, ICILS oder FURS? Nun ja, ein Grund liegt auf der Hand: Von den letzten vier hat der Großteil der Menschen noch nie etwas gehört. Dass der letzte Test frei erfunden ist, ist auch niemandem aufgefallen.

Notwendig, aber nicht hinreichend

Um die Jahrhundertwende löste der PISA-Schock in Deutschland eine Welle von Schulreformen aus und noch heute erhält PISA eine große mediale Aufmerksamkeit. Die Studie misst alle drei Jahre die Kompetenzen einer repräsentativen Gruppe an 15-Jährigen bzgl. Leseverständnis, Mathematik und Naturwissenschaften. Sie fragt nicht konkretes Schulwissen ab, sondern untersucht, inwiefern Schüler ihr Wissen in lebensnahen Situationen anwenden können.

Viele Menschen mögen protestieren: »Schule und Bildung soll aus mehr bestehen als Lesen, Mathe und den Naturwissenschaften. Wo bleibt Kunst, Musik, Geschichte?« Sie haben recht. Ein gutes Schulsystem sollte ganzheitliche Bildung bieten und nicht nur wirtschaftlich verwertbare Kompetenzen fördern. In den USA, wo jedes Jahr die Mathe- und Englischleistungen in standardisierten, folgenreichen Tests geprüft werden, schaffen viele Schulen Fächer wie Musik und Kunst ab, während »verwertbare Fächer« mehr und mehr Unterrichtszeit erhalten. Davon sind wir in Deutschland zum Glück weit entfernt.

Die PISA-Ergebnisse können also nicht als Messlatte für eine umfassende Allgemeinbildung gesehen werden. Sie aus diesem Grund zu ignorieren wäre aber ein Fehler. Ein Schulsystem, dessen Schüler bei den von PISA gemessenen Grundkompetenzen Schwächen aufweisen, kann nicht von sich behaupten, hochwertige Bildung zu liefern. Erfolgreiches Vermitteln von Basiskompetenzen ist – wie meine Kollegen im Mathestudium sagen würden – notwendig, aber nicht hinreichend für gute Schule.

Ein Ranking reicht nicht

Berechnet man den Durchschnitt der Leistungen in den drei Kompetenzbereichen, so ergibt sich folgendes Ranking (mit der in 2015 erreichten Punktzahl):

  1. Singapur (552)
  2. Hongkong (536)
  3. Japan (529)
  4. Kanada (527)
  5. Macau (527)
  1. Estland (524)
  2. Taiwan (524)
  3. Finnland (523)
  4. Südkorea (519)
  5. China (514)

Der Platz im Ranking ist eigentlich nicht aussagekräftig, denn in den letzten Jahren wurden Shanghai und Macau (eine Sonderverwaltungszone Chinas) manchmal separat und manchmal als zu China gehörend im Ranking aufgeführt. Dementsprechend rutscht ein Land bei gleichbleibender Leistung im Ranking hoch oder runter. Tatsächlich liegt Deutschland mit 508 Punkten im oberen Mittelfeld des PISA-Rankings. Mit dem oberen Mittelfeld sollten wir uns aber nicht zufriedengeben. Deshalb heißt mein Blog auch »Die PISA-Spitzen« – und nicht »PISA-oberes Mittelfeld«.

Doch die Frage bleibt: Wollen wir unser Schulsystem ausschließlich auf Hochleistung ausrichten? Genau wie Bildung aus mehr besteht als nur Lesen, Mathe und Naturwissenschaften, haben wir mehr Ansprüche an unser Schulsystem als das bloße Vermitteln von Kompetenzen.

Ein gutes Schulsystem soll nicht nur leistungsstark, sondern auch gerecht sein: Erfolg in der Schule soll nicht davon abhängen, ob die Eltern Akademiker sind oder genug Geld für Nachhilfe haben – auch nicht davon, ob man Moritz oder Murat heißt.

Im besten Fall ist das Schulsystem auch effizient: Jeder Euro erzielt die maximale Wirkung.

Im Gegensatz zu etwas Vagem wie Allgemeinbildung lassen sich Ansprüche wie Gerechtigkeit und Effizienz etwas leichter messen. Das National Center on Education and the Economy (Sitz: USA) hat dazu eine interessante Grafik veröffentlicht, welche unterschiedliche Länder anhand der drei Kriterien Leistung (»PISA performance«), Gerechtigkeit (»equity«) und Effizienz (»system efficiency«) kategorisiert. Die Länder, die ich auf meiner Reise besuche (Estland, Finnland, Singapur und Japan), erfüllen alle mindestens zwei der drei Kriterien.

Asien beherbergt sieben der Top 10 der leistungsstarken Schulsysteme. Eine reine Asien-Tour wäre bestimmt spannend, aber die Frage, was ich für das deutsche System mitnehmen kann, wäre nur unzufrieden beantwortet. Deshalb will ich Länder besuchen, die zwar allesamt in den Top 10 liegen, aber in sehr unterschiedlichen Regionen der Welt zuhause sind. Denn ich will erfahren, wie Bildungserfolg unabhängig von der Kultur eines Landes gelingen kann.

Das Projekt

Von Oktober 2019 bis März 2020 bin ich fünf Monate lang in Länder gereist, deren Schulsysteme als die besten der Welt betrachtet werden. In diesem Blog werde ich die Erfahrungen meiner »Bildungsweltreise« dokumentieren.

In groben Zügen unterrichten wir so, wie wir selber unterrichtet wurden – nicht, weil diese Methoden die besten sind, sondern weil wir nach 12 (oder 13) Jahren Schulzeit viele Ansätze als selbstverständlich hinnehmen. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben; Unterrichten ist damit eine kulturell geprägte Tätigkeit. Einzelne Leuchtturmschulen hinterfragen ihre Annahmen und erzielen im bestehenden System tolle Ergebnisse. Es lohnt sich sicher, diese unter die Lupe zu nehmen. Ein anderer Ansatz – mein Ansatz – ist es, kulturelle Grenzen zu überschreiten und in fremde Schulsysteme zu blicken, die für alle Schüler hervorragende Resultate erreichen.

Damit nicht nur ich von meiner Reise profitiere, ist mein Blog ein erster Versuch, meine Beobachtungen und Gespräche mit Schülern, Eltern, Lehrkräften und Bildungsforschern darzustellen.

Wo geht’s hin?

Als Maßstab für ein leistungsstarkes Schulsystem nutze ich die PISA-Ergebnisse von 2015 – ein sicherlich unzureichender, aber dennoch anerkannter Indikator für ein leistungsstarkes Schulsystem.

Doch Leistung ist nicht alles, und bei der Auswahl der Länder hatte ich den Anspruch, über Spitzenleistungen hinaus auch Gerechtigkeit und Effizienz des Schulsystems zu berücksichtigen. Da jedes Projekt einen griffigen Namen braucht, wurde der Blog kurzerhand »Die PISA-Spitzen« getauft.

Welche Länder haben es auf meine Liste geschafft?

  • Estland – das digitale Vorzeigeland?
  • Finnland – die glücklichste Nation der Erde?
  • Singapur – die absolute Leistungsspitze?
  • Japan – das Land des »Drills«?

Was sind meine Themen?

Auf der einen Seite war ich auf der Suche nach Lösungen für Herausforderungen, die im Diskurs hierzulande viel Aufmerksamkeit erhalten. Da wären zum Beispiel Lehrermangel, Inklusion, Integration und Digitalisierung.

Gleichzeitig wollte ich Themen auf den Grund gehen, die in der Politik und den Medien vielleicht als wichtig, aber nicht als dringendes Problem wahrgenommen werden. Welche Möglichkeiten gibt es, sich als Lehrkraft im Beruf weiterzuentwickeln? Wie funktioniert der Austausch von Bildungsforschung und -praxis? Wie werden Schulen von der Schulverwaltung unterstützt und dazu angehalten, immer besser zu werden?

Was ist der Mehrwert?

Ein an fremden Schulsystemen interessierter Mensch sagt vielleicht: »Wir wissen doch schon, was andere Länder besser machen: gesellschaftliche Wertschätzung, nur die Besten werden Lehrer, eine Schule für alle…!« Und die Meisten werden ein Land finden, das besser als Deutschland abschneidet und ihre Forderung umsetzt. Doch nur ein Element eines Schulsystems hervorzuheben dient oft lediglich als Bestätigung der eigenen, meist schon fixen Meinung darüber, was dem deutschen Schulsystem gerade fehlt.

Um diese Art des Rosinenpickens zu vermeiden, wollte ich nicht nur isolierte Aspekte eines Schulsystems betrachten, sondern mir ein umfassendes Bild machen: Wie passen alle Elemente des Schulsystems zusammen? Gibt es mehrere Wege zum Erfolg? Was denken Lehrkräfte von ihrem Schulsystem?

Ich hoffe, dass meine Erfahrungen genau diesen Mehrwert bieten können: die vielen Studien, die es bereits gibt, in einen zusammenhängenden Kontext einzubinden. Was verbindet diese Länder unterschiedlicher Größe und Bevölkerung in verschiedenen kulturellen Kontexten? Und was können wir von ihnen lernen?